Block 4 · Diskussionen & Forschung
Individuelle Dekompression, Risikofaktoren, Datensammlungen - wo wird am heißesten diskutiert?
Einleitung
Den Computer einstellen, den Tauchgang grob planen und erst mal abtauchen - super. Aber hinter all dem steckt ja sehr viel Wissenschaft: Die Modelle, nach denen wir tauchen, wurden vor einigen Jahrzehnten entwickelt, werden aber seitdem immer wieder modifiziert. Neue Erkenntnisse oder weitergehende Fragen zur Dekompression kommen auf. Und manchmal kommt ein neuer Hype, dringt in die Tek-Community und bisweilen auch zu den Sporttauchern vor - und braucht dann lange, um wieder zu verschwinden.
Wo findet man aktuell relevante Informationen, wie wertet man sie aus, welche Konsequenzen möchte man für die eigenen Tauchgänge ziehen? In diesem Block können wir nicht alle Diskussionen aufgreifen, zeigen aber exemplarisch, wie man sich selber weiter informieren kann.
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Jetzt einloggenÜberblick: Wie du Forschung sinnvoll liest
Das Wissen über Dekompression ist trotz aller Forschung limitiert. Warum? Das liegt auch daran, dass DCS mit den heutigen Modellen nur sehr selten vorkommt. Die Modelle selbst wurden empirisch validiert, für dieses Wissen über akzeptable Grenzen haben Menschen Symptome erlitten - und die Erkennnisse daraus machen unsere Tauchgänge heute so sicher, wie sie eben sind. Auch ein paar weitere neuere Studien haben einige Erkenntnisse zu riskanteren oder weniger riskanten Tauchprofilen geliefert. Aber die Grenzen der Forschung liegen da, wo man Menschen gezielt einem nicht tragbaren Risiko aussetzt.
Man sucht heute also nach vielen weiteren Faktoren, die sich nach einem Tauchgang nachweisen lassen, und weniger nach dem Endppunkt "DCS". Und man hat es in der Forschung zu einem solchen Nischenthema oft nur mit ganz wenigen Probanden zu tun, weiß also nie, ob die Ergebnisse nicht doch nur Zufall sind.
Wenn man das weiß, wird klar, dass starke Aussagen wie "Wer DCS bekommt, war sicher dehydriert / hat ein PFO / hat den zweiten Tauchgang tiefer gemacht als den ersten..." so gar nicht belegbar sein können.
Wie erkennt man, ob etwas stimmt oder nicht? Da gibt es erst mal ein Warnsignal: Laute, simple Wahrheiten sind fast immer falsch. Es hat gute Gründe, warum die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien oft sehr zurückhaltend formuliert sind: Man hat nur einen weiteren Hinweis gefunden, ein weiteres Puzzleteil, keine große Erkenntnis.
Wenn man mehr über ein Thema wissen will, sollte man also auf Quellen zurückgreifen, die sachlich und zurückhaltend formulieren und ihre Aussagen belegen. Es gibt einige Blogs, die das erfüllen. Man kann selber in Studien reinschauen - wie man die liest, erklären wir in einem einem Blogbeitrag. Und dann ist inzwischen KI ein starkes Tool für die Recherche - wenn man sie richtig bedient.
Blogartikel: Studien lesen
The Theoretical Diver
dekoblog.ch
InDepth: A Technical & Professional Diving Magazine
Individuelle Dekompression
Wie wäre es denn, wenn man wüsste, wie anfällig man für DCS ist, und dann das Tauchprofil einfach daran anpasst?
Eine traumhafte Vorstellung, und genau diese Idee ist das Ziel einer ganzen Reihe an Studien, die sich mit ganz verschiedenen Faktoren beschäftigen. Was kann man während des Tauchgangs und nach dem Tauchen messen, und kann man dadurch etwas über die individuell beste Dekompression lernen?
Was könnte "individuelle Dekompression" bedeuten?
Allessandro Marroni von DAN Europe und einige andere haben da einen großen Traum: Schon während des Tauchgangs Daten über die körperlichen Reaktionen des Tauchers bekommen, und direkt reagieren zu können, wenn die Dekompression kritisch zu werden droht.
Was vor einigen Jahrzehnten noch völlig utopisch geklungen hat, könnte in den nächsten Jahren vielleicht Realität werden. Aber was wäre dafür nötig?
Man müsste eine Möglichkeit finden, den Körper unter Wasser zu überwachen. In diesem Bereich werden extrem schnell Fortschritte gemacht: Smart Watches, die auch unter Wasser funktionieren, gibt es bereits, und auch Blasen kann man schon im Wasser messen.
Aber man müsste dann auch noch wissen, was man mit den Messwerten anfangen soll. Welche Werte sind denn tatsächlich ein Hinweis darauf, dass sich gerade eine DCS entwickelt oder das Risiko extrem steigt? Und was sind nur normale körperliche Reaktionen auf den Tauchgang, die nicht weiter gefährlich sind?
Zu diesen Fragen gibt es zwar begründete Vermutungen, die aber zur Zeit noch nicht ausreichen, um daraus eindeutige, klare Empfehlungen zu einzelnen konkreten Messwerten abzuleiten. Dafür fehlt es nämlich vor allem an einem: Einer ausreichenden Menge an Daten, die den Zusammenhang von einzelnen Faktoren und DCS nachweisen.
Wir werfen hier einen kurzen Blick auf individuelle Messwerte, die möglicherweise in der Zukunft in solche Konzepte einer "individuellen Dekompression" einfließen könnten. Ganz allgemeine Risikofaktoren besprechen wir im nächsten Abschnitt.
Risikofaktoren
Sobald von individueller Dekompression gesprochen wird, taucht fast zwangsläufig die Frage nach persönlichen Risikofaktoren auf. Alter, Geschlecht, Körperbau, Fitness, Schlaf, Hydratation, Alkoholkonsum – die Liste ist lang, vertraut und intuitiv plausibel. Die Annahme liegt nahe, dass sich Dekompression deutlich verbessern ließe, wenn man diese Faktoren nur konsequent genug berücksichtigen würde.
Schaut man genauer hin, wird das Bild jedoch deutlich unschärfer. Für viele dieser Faktoren existieren Hinweise, aber nur selten belastbare quantitative Zusammenhänge. BMI wird häufig genannt, sagt aber wenig über Körperfettanteil oder physiologisch relevante Eigenschaften aus. Fitness gilt als schützend, ohne dass klar ist, welche Art von Fitness eigentlich gemeint ist oder wie sie sich konkret auswirkt.
Ähnlich vage bleibt die Datenlage bei Faktoren wie Rauchen, Alkohol oder Schlafmangel. Die physiologischen Mechanismen sind plausibel, die empirische Evidenz jedoch begrenzt und oft kontextabhängig. Selbst beim Einsatz von Nitrox, der häufig als sicherer wahrgenommen wird, ist der Effekt im Kern trivial erklärbar: weniger aufgenommenes Inertgas. Das ersetzt keine differenzierte Betrachtung der Dekompressionsbelastung.
Organisationen wie DAN weisen seit Jahren darauf hin, dass individuelle Risikofaktoren real sind, aber nur unzureichend quantifiziert werden können. Genau hier entsteht eine Spannung zwischen dem Wunsch nach personalisierter Dekompression und dem tatsächlichen Kenntnisstand. Die Frage ist daher weniger, ob individuelle Faktoren eine Rolle spielen, sondern wie sinnvoll sie derzeit in konkrete Entscheidungen übersetzt werden können – und wo diese Übersetzung zwangsläufig spekulativ bleibt.
Letzten Endes sind es nur wenige Faktoren, die das Risiko, DCS zu bekommen, erhöhen: Alter und Kälte in der Dekompressionsphase und Anstrengung beim und nach dem Tauchgang kann man als echte Risikofaktoren gelten lassen. Auch ein PFO erhöht das Risiko für bestimmte Formen von DCS. Aber da DCS insgesamt sehr selten ist, lässt sich schwer sagen, ob es nun "doppelt so wahrscheinlich" oder "drei mal so wahrscheinlich" ist - das Risiko ist immer noch sehr niedrig.
Was über Risikofaktoren für DCS bekannt ist
Die perfekten Gradienten
In der wissenschaftlichen Diskussion um Gradient Factors zeigt sich ein asymmetrisches Bild. Für den oberen Gradient Factor besteht inzwischen ein relativer Konsens: niedrigere GF-High-Werte begrenzen die maximale Übersättigung in flachen Tiefen und erhöhen damit die Sicherheitsmarge am Ende des Aufstiegs, allerdings auf Kosten längerer Dekompression. Die Frage nach einem „besseren“ oder „schlechteren“ GF-High ist daher weniger eine theoretische - niedriger ist für die Dekompression sicherer. Die Entscheidung hängt am Ende davon ab, wie viel Zeit man bereit ist zu investieren, und was man für ein akzeptables Restrisiko hält.
Deutlich offener ist die Diskussion um den unteren Gradient Factor. GF-Low beeinflusst vor allem die Tiefe des ersten Stopps und die Verteilung der Dekompressionszeit. Sehr niedrige Werte, die mit frühen tiefen Stopps einhergehen, werden heute deutlich kritischer gesehen als noch vor einigen Jahren. Ein stabiler wissenschaftlicher Konsens existiert hier nicht; vielmehr hängt die Bewertung stark von Profiltyp, Gas, Expositionsdauer und den zugrunde liegenden physiologischen Annahmen ab. Man tendiert heute dazu, den GF Low nur wenig unter dem GF High anzusetzen - aber von einem wissenschaftlichen Konsens ist man weit entfernt.
Dazu kommt, dass viele Forschungen aus dem Militär kommen - und dort wird nur selten nach Bühlmann und Gradientenfaktoren getaucht. Es gibt daher nur sehr wenige Studien mit sehr wenigen Teilnehmern und ohne provozierte DCS-Fälle, die tatsächlich Profile mit Gradientenfaktoren untersuchen. Entsprechend dünn sieht es auch mit zuverlässigen Erkenntnissen aus.
Forschung unterstützen: Datensammlungen
Wir haben gesehen, wie schwierig es ist, an Daten zu kommen. Hinweise auf Deko-Stress werden in kleinen Studien erhoben, DCS Fälle werden ausgewertet, sind aber selten. Die US Navy führt ab und an relevante Studien durch, die aber an ihren Interessen orientiert sind und sich nur sehr bedingt aufs Sporttauchen übertragen lassen.
Deshalb spielen Datensammlungen und Berichte von Zwischenfällen, die nicht in den Statistiken der Versicherungen auftauchen, so eine große Rolle. Wenn man viele Tauchprofile, die real so getaucht werden, auswerten kann; wenn man auch die milden Symptome, die wieder verschwinden, zu fassen kriegt - dann könnten sich daraus Erkenntnisse ergeben, die wirklich statistisch relevant sind.
Wer gerne dazu beitragen möchte, dass Daten von realen Tauchgängen ausgewertet werden können, kann sie auf einer Plattform von DAN hochladen: Dem Diver Safety Guardian. Hier werden neben dem Tauchprofil einige weitere Daten abgefragt, und man bekommt eine Auswertung des eigenen Tauchgangs.
Bei so etwas mitzumachen bedeutet, dass man relevante Forschung unterstützt, ohne sich allzu viel Arbeit machen zu müssen.
Diver Safety Gardian
Warum es gut ist, mehr Daten zu haben? Damit du im zweiten Teil dieses Quizzes möglichst gute Informationen bekommst. Teste hier noch mal, wie erfolgreich du recherchieren kannst.