Block 5 · Human Factors & Stigma
Menschen machen Fehler - und auch wenn man alles richtig macht, kann man DCS bekommen.
Einleitung
DCS, die "Dekokrankheit", ist etwas, das man nach dem Tauchen bekommen kann - auch dann, wenn man alles richtig gemacht hat. Manchmal richten Inertgase im Körper Schaden an, und wo genau die Grenze liegt, an der das passiert, kann nicht individuell sicher vorhergesehen werden.
Wenn über DCS gesprochen wird, steht aber ganz oft die Frage im Raum: Was hat die Person falsch gemacht? Welches Profil, welcher körperliche Zustand - irgend einen Grund MUSS es ja geben. Und dabei geht es oft nicht nur um eine rationale Erklärung, sondern auch um Schuldzuschreibungen.
Genau das macht es so schwer, ehrlich zu sein, und genau deshalb werden Symptome so oft geleugnet. Und genau deshalb lernen wir als Szene oft weniger, als wir könnten.
Aber wie sieht es denn eigentlich aus: Ist Tauchen ein gefährlicher Extremsport, oder doch eher eine ganz normale Freizeitaktivität? Wir steht es mit dem Risiko im Vergleich zu anderen Sportarten?
Login erforderlich
…
Jetzt einloggenWas macht DCS so „anders“?
Wenn man sich beim Fußballspielen den Knöchel verstaucht, bei der Bergwanderung stolpert oder sich beim Fahrradfahren verletzt, wird man die Wunde angemessen versorgen, abheilen lassen und weitermachen. So etwas kommt vor, und endet in der Regel nicht mit Vorwürfen, man muss auch nicht erklären, was genau man gemacht hat, damit so etwas passieren konnte.
Bei DCS ist das oft anders. Zum einen können Symptome verzögert auftreten, uneindeutig sein, schwanken – und manchmal ist man sich gar nicht sicher, ob es wirklich DCS ist. Gleichzeitig hängt DCS emotional an einem unsichtbaren Vorwurf:
„Du hast wohl etwas falsch gemacht.“
Unfallanalyse ist natürlich sinnvoll, und auch wenn jemand DCS bekommt, kann man schauen, ob das Profil einfach sehr riskant war, oder ob alles so war, wie es allgemein als sicher gilt. In den allermeisten Fällen ist es genau das: Ein eigentlich sicheres Profil führt dennoch zu DCS. Und genau das muss man einfach akzeptieren - man wird niemals sicher wissen, woran es gelegen hat.
Die Suche nach Gründen ist menschlich. DCS ist so rätselhaft, und wir würden doch gerne verstehen, was da passiert - das ist die eine Seite. Die andere liegt aber in einer Abwehrhaltung: Wenn derjenige, den es trifft, etwas falsch gemacht hat, ich mache aber alles richtig, dann kann es mich nicht treffen.
Das ist nicht etwa deshalb wichtig, weil DCS eine so schwere Erkrankung wäre, dass man wirklich Angst davor haben muss. Die meisten Symptome sind so mild, dass sie mit ein wenig Sauerstoff oder einfach so wieder verschwinden. Manchmal braucht es eine Druckkammerbehandlung, ganz selten mehrere. Und ganz extrem selten bleiben Schäden zurück.
Es ist also nicht die Schwere der Erkrankung, die Angst macht, sondern etwas anderes: Das Stigma, das mit ihr verbunden ist. Du bist derjenige, der etwas falsch gemacht hat, du bist gezeichnet - mit dir taucht keiner mehr...
Besser, man sagt einfach nichts... Oder?
Talk about DCS
Über Zwischenfälle reden
Auch wenn DCS ein wichtiges Thema ist und für uns im Rahmen der Dekotheorie natürlich das wichtigste, spielt es unter den Tauchunfällen eine eher untergeordnete Rolle. Viel häufiger sind Ohrenprobleme, Stürze beim Ausstieg, zu schnelle Aufstiege und daraus resultierende Probleme und auch medizinische Notfälle, die beim Tauchen auftreten.
Auch über Tauchunfälle wird viel geredet - immer mit der Begründung, man wolle daraus lernen. Aber oft passiert auch hier vor allem eines: Die Suche danach, wer schuld ist. Und das hilft nicht weiter.
Beim Reden über Zwischenfälle und Unfälle beim Tauchen sollten wir zwei Dinge im Blick behalten, die unsere Art, darüber zu reden, prägen.
Hindsight Bias
Der "Rückschaufehler" passiert dann, wenn man den Ausgang eines Ereignisses kennt. Nach einem Unfall - egal in welchem Bereich - wissen alle plötzlich, warum das passiert ist, und sind sich ganz sicher, dass man das vorher hätte wissen müssen.
Hätte man nicht. Das Wissen darüber, was passiert ist, verändert die Wahrnehmung. Weil wir wissen, dass etwas schiefgegangen ist, sehen wir Warnzeichen, die wir ansonsten gerne ignorieren.
Just Culture
Just Culture bedeutet: Wir suchen nicht zuerst Schuldige, sondern verstehen das System. Wir reden auf eine Art über Zwischenfälle, dass alle Beteiligten sich sicher fühlen können und bereit sind, ihre Perspektive in allen Details zu erzählen.
Was waren Rahmenbedingungen? Welche Informationen lagen vor? Welche Routinen, welche Gruppendynamik, welcher Stress? Warum haben Entscheidungen in dem Moment, in dem sie getroffen wurden, Sinn gemacht?
Das schließt Verantwortung nicht aus – aber es verhindert, dass Lernen durch Scham und Angst abgewürgt wird.
Das Thema ist für unseren Kurs hier natürlich viel zu groß. Aber wie üblich haben wir ein paar Hinweise darauf, wie du an weitere Informationen kommst.
Zum Thema Human Factors in Diving hat Gareth Lock, der Autor von "Under Pressure", eine Menge an Ressourcen und Kursen entwickelt.
The Human Diver
Wer sich für dieses Thema interessiert, der findet in einem dem Einführungs-Kurs "Essentials" einen wirklich guten Überblick und eine Fülle von Ideen, wie man auf Zwischenfälle beim Tauchen so schauen kann, dass man tatsächlich daraus lernt.
↑ Nach obenRedet. Gebt O₂. Teilt Daten.
Wenn wir wollen, dass sich der Umgang von Tauchern mit dem Thema DCS und allgemein mit Zwischenfällen ändert, liegt es an uns, ein anderes Verhalten zu zeigen.
Dann, wenn es einem selber nicht gut geht: Wenn du nach einem Tauchgang etwas spürst, das „nicht normal“ ist- rede darüber. Sofort. Nicht morgen. Nicht „mal schauen“. Nicht „ich will niemanden nerven“. Und schon gar kein "Kann doch gar nicht sein" - auch wenn das Profil unauffällig war, kann etwas passiert sein.
Und wenn du mitbekommst, dass es jemandem nicht gut geht: Unterstütze, gib Sauerstoff, reiche etwas zu trinken, sei da und hole Hilfe, wenn notwendig. Was du dabei aber auf keinen Fall tun solltest ist erst mal über das Tauchprofil oder sonstiges zu fachsimpeln.
Was bei allen Zwischenfällen gilt: Schweigen schützt niemanden. Es schützt höchstens ein Image – und kostet im Zweifel Zeit, Information und Optionen. Eine Community wird sicherer, wenn sie über Zwischenfälle sprechen kann, ohne Menschen zu zerlegen. Deshalb redet doch einfach über all die kleinen Dinge, die bei Jedem einmal schiefgehen - aus solchen Erzählungen kann man etwas lernen. Aus Unfällen eher weniger.
Wer gerne dazu beitragen möchte, dass Tauchen insgesamt noch sicherer wird, kann auf verschiedenen Ebenen mithelfen. Eine Möglichkeit ist die, eigene Daten zu teilen. Hier kann man Zwischenfälle berichten, bei denen man beteiligt war, und kann dabei sicher sein, dass die Daten von DAN vernünftig behandelt werden.