Block 6 · DCS: Der Grund für alle Dekotheorie

Was ist die „Dekokrankheit“ DCS? Wie kann es dazu kommen? Und vor allem: Was tun, wenn es passiert?

Einleitung

Die gesamte Dekotheorie dreht sich um eine große Frage: Wie kann man das Risiko, nach dem Tauchen eine DCS zu erleiden, möglichst gut kontrollieren?
Wenn wir über verschiedene Dekompressionsmodelle, über Gradientenfaktoren und Tauchgangsprofile reden, geht es dabei immer darum, unser Risiko so weit wie möglich zu minimieren. Leider wird es aber immer wieder trotz aller Vorsicht dazu kommen, dass ein Tauchgang eben mit DCS endet.
In dem Block zu Human Factors und dem Stigma, das DCS umgibt, zeigen wir genauer, warum es so wichtig ist, DCS einfach als eine Sportverletzung zu akzeptieren. In diesem Block soll es vor allem darum gehen, die Symptome zu erkennen und korrekt zu handeln.
Bevor wir starten, teste als erstes dein Wissen: Kannst du unterscheiden, was Fakten sind und was Taucherlatein?

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Was ist DCS?

Die Dekompressionskrankheit (DCS) beschreibt eine Gruppe von Symptomen, die auftreten können, wenn sich beim Aufstieg am Ende eines Tauchgangs gelöste Inertgase – meist Stickstoff – im Körper nicht schnell genug abbauen lassen. Während wir abtauchen, löst sich Stickstoff entsprechend dem Umgebungsdruck im Gewebe. Beim Aufstieg muss dieses Gas wieder abgegeben werden. Geschieht das zu rasch oder unvollständig, können sich Blasen bilden. Diese Blasen stören die normale Funktion des Körpers, reizen Gewebe und Gefäße und können je nach Ort und Größe Beschwerden bis hin zu lebensbedrohlichen Zuständen auslösen.

Wichtig ist: DCS ist selten, aber nicht „unmöglich“. Sie kann auch bei Tauchgängen auftreten, die völlig im Rahmen der Tabellen oder Computervorgaben liegen. Deshalb geht es in diesem Block nicht darum, Angst zu schüren, sondern ein klares, nüchternes Bild zu vermitteln: DCS ist eine seltene, aber ernstzunehmende Sportverletzung, die man erkennen und behandeln können sollte.

Simon Mitchell: Decompression Illness: A comprehensive overview

Ausführlicher gut verständlicher Überblick darüber, wie Dekompressionserkrankungen auftreten können

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Wie entsteht DCS?

Um die Entstehung von DCS zu verstehen, hilft ein Blick auf den Gastransport im Körper. Beim Abtauchen steigt der Umgebungsdruck, Stickstoff löst sich vermehrt im Blut und in den Geweben. Die Geschwindigkeit dieser Aufnahme hängt von Faktoren wie Durchblutung und Gewebeart ab: stark durchblutete Organe sättigen sich schneller, fettreiches Gewebe etwas langsamer, kaum durchblutete Stellen wie Knochen nur sehr langsam.

Beim Aufstieg sinkt der Umgebungsdruck wieder. Das Gewebe wird „übersättigt“ – das Risiko, dass sich Blasen bilden, steigt. Normalerweise wird Stickstoff kontrolliert über das Blut zur Lunge transportiert und ausgeatmet. Ist der Aufstieg jedoch zu schnell oder die Übersättigung zu groß, kann das Gas nicht vollständig in Lösung bleiben und es bilden sich Blasen im Blut oder in einem übersättigten Gewebe. Diese können sich vergrößern, zusammenlagern und im Gewebe oder in Gefäßen Probleme verursachen.

Auch wenn Blasen eine herausragende Rolle bei der Entstehung von DCS spielen, ist das genaue Zusammenspiel von Blasen und anderen Faktoren nicht ganz geklärt. Unterschiedliche Personen können nach dem selben Tauchgang verschieden viele Blasen haben; dieselbe Person kann an zwei Tagen unterschiedlich reagieren. Eindeutig ist nur: Mehr Blasen bedeuten statistisch ein höheres Risiko für DCS.

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Symptome von DCS

Eine Dekompressionskrankheit (DCS) kann sehr unterschiedliche Gesichter zeigen. Manche Betroffene haben nur leichte, unspezifische Beschwerden, andere entwickeln innerhalb weniger Minuten lebensbedrohliche Ausfälle. Das macht es schwierig, frühzeitig die richtigen Schlüsse zu ziehen. Deshalb gilt in der Tauchmedizin: lieber einmal zu vorsichtig reagieren als ein ernstes Zeichen zu übersehen.

Warum die Symptome so vielfältig sind

Ursache von DCS sind Gasblasen, die sich nach einem Tauchgang im Körper bilden. Je nachdem, wo sich diese Blasen ansammeln, entstehen unterschiedliche Beschwerden: an Gelenken spürt man Schmerzen, auf der Haut zeigt sich ein typisches Muster, im Nervensystem können Lähmungen oder Bewusstseinsstörungen auftreten. Oft treten die Symptome innerhalb der ersten Stunde nach dem Auftauchen auf, sie können sich aber auch erst nach vielen Stunden entwickeln – bis zu 24 Stunden sind dokumentiert.

Typische Leitsymptome

  • Neurologisch: Schwindel, Taumeln, unsicherer Gang, Gefühlsstörungen (Kribbeln, Taubheit), Schwäche in Armen oder Beinen, Verwirrtheit, Sehstörungen, Kopfschmerzen, Krampfanfälle.
    Diese Symptome sind immer ernst – auch wenn sie leicht erscheinen.
  • Haut: Juckreiz, Rötungen oder marmorierte, schmerzhaft geschwollene Haut. Diese Zeichen wirken oft harmlos, können aber auf tieferliegende Probleme hinweisen.
  • Bewegungsapparat: Gelenkschmerzen („the bends“) sind die klassische, aber nicht die gefährlichste Form. Sie treten oft schubweise auf, können wandern oder in Ruhe bestehen bleiben.
  • Kreislauf und Lunge: Brustschmerz, Atemnot, Husten, Herzrasen oder Schwindel durch Kreislaufprobleme. Diese Zeichen können lebensbedrohlich sein – auch wenn sie mit einem Herzinfarkt oder Asthma verwechselt werden.
  • Allgemein: Abgeschlagenheit, ungewöhnliche Müdigkeit, Übelkeit oder Erbrechen. Diese Beschwerden sind unspezifisch, verdienen aber nach einem Tauchgang erhöhte Aufmerksamkeit.

Verwechslungsgefahr

Nicht alles, was nach einem Tauchgang auftritt, ist automatisch DCS. Manche Beschwerden haben andere Ursachen:

  • Sonnenbrand: rote Flecken auf der Haut, die genau dort liegen, wo die Sonne gewirkt hat.
  • Magen-Darm-Probleme: Durchfall oder Übelkeit können auch infektiös oder ernährungsbedingt sein.
  • Vorbestehende Beschwerden: Chronische Gelenkschmerzen oder alte Verletzungen sind nicht plötzlich durch einen Tauchgang entstanden.
  • Müdigkeit: kann schlicht normale Erschöpfung nach Belastung sein.

Trotzdem gilt: Besser abklären lassen. Gerade neurologische Zeichen oder ungewöhnliche Kombinationen sollten ernst genommen werden.

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Erste Hilfe bei DCS

Wir haben schon gesehen, dass die Symptome von DCS recht vielfältig sein können. Wenn es jemandem nach dem Tauchen nicht gut geht, sollte man grundsätzlich immer auch an DCS denken - aber ohne dabei andere gesundheitliche Probleme aus dem Blick zu verlieren.
Was die Erste Hilfe bei einem Tauchunfall von der ganz allgemeinen Ersten Hilfe unterscheidet, sind zwei Dinge:
Sauerstoff: Wenn auch nur der leiseste Verdacht besteht, dass es sich um einen Tauchunfall handeln könnte, sollte immer Sauerstoff gegeben werden.
Tauchmedizinische Hotline: Da der Rettungsdienst nur extrem selten etwas mit Tauchunfällen zu tun hat, sollte man immer eine der hotlines der Tauchversicherung mit einbinden. Auch wenn der Patient nicht dort versichert ist, bekommt man dort eine fachkundige Beratung. Wenn die Versicherung zahlen soll, muss sie sogar benachrichtigt werden, sobald es möglich ist - lebensbedrohliche Notfälle gehen natürlich vor.

Sauerstoff bei DCS

Blogartikel zur Frage, warum die Gabe von Sauerstoff bei DCS so wichtig ist

5 Minuten Neuro-Check

Wenn du herausfinden willst, ob jemand neurologische Auffälligkeiten zeigt, findest du hier einen einfachen Neuro-Check

Was tun beim einen Tauchunfall oder Verdacht auf DCS?

Nicht alles, was nach dem Tauchen passiert, ist gleich ein Notfall. Der Umgang mit Symptomen sollte einem abgestuften Vorgehen folgen, das auch die Grundlage für unser Ampel-Quiz bildet:

  • Rot: Lebensbedrohliche oder schwere neurologische Zeichen, akute Atemnot, Brustschmerz.
    O₂ geben und sofort 112 rufen. Hotline kann zusätzlich eingebunden werden.
  • Gelb: Verdächtige, aber nicht akut bedrohliche Symptome (z. B. Hautmarmorierung, Kribbeln, Schwindel).
    O₂ geben, eng beobachten und Hotline anrufen. Die Hotline koordiniert bei Bedarf weitere Schritte.
  • Grün: Wahrscheinlich nicht tauchbedingt (z. B. Sonnenbrand, banale Müdigkeit).
    Beobachten. Hotline nur bei Unsicherheit.

Merksatz

Jedes ungewöhnliche Symptom nach einem Tauchgang ist verdächtig – lieber einmal zu viel Sauerstoff und einen Anruf zu viel, als einmal zu wenig.“